Kinder in Trauer

TRAUERN IM MUSLIMISCHEN KULTURKREIS

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Ein Interview von Richarda Klaver-Wilrodt (Vorstand des Hamburger Zentrums) mit Meltem Demirel. Meltem ist Türkin. Sie hat Freie Kunst in Izmir studiert, ist Diplom– Bildhauerin. Sie hat nach Hamburg geheiratet und hat zwei Töchter, die 16 und 18 Jahre alt sind. Als ausgebildete Stadtteilmutter arbeitet sie beim Diakonischen Werk Hamburg.

Richarda: Wann bist Du erstmals Sterben und Tod begegnet?
Meltem: Als ich ein Kind war, ist mein Opa gestorben. Ich war 9 Jahre alt. Das war ein Tag vor der Hochzeit meines Onkels. Das war traurig. Er hatte Herzversagen. Er ist einfach zu Hause gestorben. Die ganze Familie hat das mitbekommen. Das war damals normal, dass man zu Hause starb. Und die Kinder waren dabei und die Eltern haben erzählt, dass der Sterbende schwer krank ist.
Richarda
: Hm …
MeItem: Ich habe noch zwei Geschwister. Als unser Opa gestorben war, waren wir alle da. Ich erinnere mich ganz genau. Er lag auf dem Fußboden. Er war noch in der Apotheke. Er hat gesagt, dass es ihm schlecht geht. Er hat sich auf den Boden gelegt. Er wurde ohnmächtig. „Geht ins andere Zimmer. Es wird ernst“, wurde uns Kindern gesagt. Wir warteten auf den Arzt. Als er kam, hat er den Tod festgestellt.
Richarda
: Ihr Kinder wart im anderen Zimmer?
Meltem: Ja, wir haben das Schreien gehört. Die ganze Familie war da. 50 Personen. Trauer und Schreien. Bei uns ist man laut. Nicht so wie in Deutschland. „Opa ist ins Paradies gegangen“, erklärte man uns.

 

Richarda: Wer hat mit euch gesprochen?
Meltem: Meine Mutter war das. Der Opa war nicht so alt, 58. Alle waren geschockt. Gegen Abend ist der Opa gestorben. Am nächsten Tag wäre die Hochzeit gewesen. Aber nach dem Tod tanzt man 40 Tage nicht. Man feiert nicht. Die Hochzeit wurde abgesagt.
Richarda: Wenn es Dir schwer fällt zu sprechen, dann können wir das Interview auch unterbrechen.
Meltem: Nein, alles in Ordnung. Innerhalb von 24 Stunden müssen die Verstorbenen beigesetzt sein. Am nächsten Mittag ist die Gebetszeit. Der Opa wurde ins Krankenhaus gebracht.
Richarda: Ins Krankenhaus?
Meltem: Ja. Dort wurde er nach muslimischen Ritualen gewaschen. Ein weißes Gewand wurde ihm angezogen. Der Verstorbene muss sauber sein für den Übergang.  Er wird mit Seife gewaschen und manchmal mit Rosenöl eingesalbt. Sehr nahe Angehörige beteiligen sich an der Waschung. Das ist der letzte Abschied. Man kann auch allein reingehen und letzte Worte sprechen.
Man bringt den Toten dann in die Moschee im Sarg. Dann wird von dem Imam aus dem Koran gelesen. Die Männer stehen vorne und die Frauen hinten. Durch ein Abschiedsritual machen die Versammelten deutlich, dass sie dem Verstorbenen alles vergeben und dass sie keine Ansprüche an ihn haben und er keine Schulden bei ihnen hat. Dadurch wird die Seele frei und kann auf „die andere Seite“ gehen.  Dann gehen alle, die wollen, zur Grabstelle.
Richarda: Ist die Moschee mit Kerzen geschmückt, oder zündet ihr irgendwann bei den Ritualen Kerzen an?
Meltem: Kerzen gehören nicht dazu. Ich verbinde Kerzen mit einer Kirche, in der Kerzen angezündet werden.
Richarda: Mit einer christlichen Zeremonie?
Meltem: Ja. ( Sie setzt ihren Bericht fort.) Kinder unter sechs Jahren gehen nicht mit zur Grabstelle. Der Verstorbene wird in seinem weißen Gewand in die Erde gelegt. Die Angehörigen werfen etwas Erde auf den Toten, und manche sprechen Abschiedsworte oder führen Rituale durch.
Nicht so Nahestehende machen Helva, süßen Brei, zu Hause. Nach der Grabstelle gehen alle in das Haus des Verstorbenen und essen Helva. Bei uns kocht man sieben Tage lang nicht zu Hause, sondern Angehörige und Nachbarn bringen Essen, so dass die Angehörigen trauern können und sich nicht beschäftigen mit alltäglichen Dingen. Jeden Abend liest man im Koran gemeinsam mit einem Geistlichen und Nachbarn und Freunden und Familie und isst anschließend miteinander. Man organisiert miteinander, was gebracht wird. In dieser Zeit geht man nicht zur Arbeit und die Kinder nicht in die Schule.
Richarda: Dann wird die trauernde Familie sehr umsorgt.
Meltem: Ja. Nach einiger Zeit, wenn man Kraft dafür hat, geht man mit Blumen zur Grabstelle und dekoriert. Später geht man immer einen Tag vor allen Festen und am Todestag  zur Grabstelle und bringt Blumen.
Am Todestag denkt man an den Verstorbenen entweder durch eine Feier in der Moschee oder zu Hause. Man kann auch Geld spenden für Arme. Die Rituale sind regional und religiös unterschiedlich.
Richarda: Wie begegnet man den Kindern?
Meltem: Den Kindern gegenüber soll man nicht Trauer zeigen und nicht traurig sein. Weil man glaubt, dass die Kinder das nicht begreifen können. 40 Tage ist Trauer. Am 40. Tag laden wir alle ein, und es wird gegessen, und der Koran wird gelesen. Meistens ruft man einen Hoca (Anmerkung der Redaktion: Geistlichen) dazu.
Man sagt auch, der Verstorbene ist ein Engel geworden.

Meltem berichtet von einem Vater und dessen Kind. Die Mutter ist gestorben, und Meltem kümmert sich um ihn und die Tochter. Dem Kind wurde gesagt: „Die Engel haben sie mitgenommen. Sie sieht von oben auf Dich. Und wenn Du glücklich bist, wird Deine Mutter oben auch glücklich sein.“

Meltem: Um die Formalitäten kümmern sich die Männer der Familie.

Richarda: Wo setzen muslimische Familien ihre Angehörigen bei?
Meltem: Es gibt einen muslimischen Friedhof in Hamburg.

Richarda: Vielen Dank, Meltem, für dieses Interview.